
Einleitung
Die Musik sollte „modern und zeitgenössisch, aber gleichzeitig schön und tonal sein und größtenteils aus weiblicher Feder“. Soweit der Anspruch an das Projekt „trust & resistance“. Die Produktion des Albums oblag der Konzertdirektion gUG, die für Vielfalt steht und sich musikalisch gegen jede Form von Diskriminierung richtet.
Alles begann vor einigen Jahren in der Gedenkstätte KZ Osthofen. Die Cellistin Katja Zakotnik, die eine Gesellschafterin der gUG ist, recherchierte für die musikalischen Begleitungen der Ausstellungen der Gedenkstätte häufig Werke, die thematisch zu den Projekten passten. Neben dem dadurch entstandenen Solo-Repertoire im Bereich der Gedenkarbeit kam der Impuls, weiter über Komponistinnen und Komponisten in Diktaturen und Widerstand zu recherchieren, so dass ein Solo-Album und ein vollständiger Konzertabend entstehen konnte. Auf diese Weise sind Kompositionen zusammengetragen worden, die der oben genannten Thematik entsprechen, zeitgenössisch und gleichzeitig schön und tonal sind. Etwa 75% des Programms wurde von Frauen komponiert.
Das Album „trust & resistance“ ist zudem zur Unterstützung von Schulkonzerten entwickelt worden. Mit den Musikaufnahmen soll das System des Streamings (Schülerinnen und Schüler gestalten Playlists) genutzt werden, um Erinnerungsarbeit zu leisten und Interesse dafür zu wecken. Alle Komponistinnen und Komponisten des Albums, angefangen bei Ilse Weber, weiter bei Elaine Fine und auch Ayala Asherov, verbindet durch ihre Werke, ihre Herkunft und/oder Geschichte das Thema Widerstand gegen Autokratien und Diktaturen. Das Cello als unbegleitetes Instrument bringt hier eine besonders ins Herz gehende Klangfarbe ein.
Das Projekt wurde gefördert vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und der Lotto-Stiftung Rheinland-Pfalz und ist gemeinnützig. Das bedeutet, dass sämtliche Einnahmen, die z.B. durch das Streaming oder durch die Abgabe der CD entstehen, in neue Projekte (Schulkonzerte etc.) fließen.
Werke
Die Themen Widerstand und Zuversicht könnten kaum schöner eröffnet werden als mit dem Lied „El Cant dels Ocells“, das durch den Cellisten Pau Casals (1876-1973) bekannt wurde. Da ist zum einen Casals selbst, der lange im Exil lebte und dessen Widerstand gegen autokratische Strukturen aus musikalischem Schweigen und Verweigerung von Konzerten bestand. Zum anderen ist dieses Lied ursprünglich ein Weihnachtslied, voller Hoffnung, nicht zuletzt, weil es zu einer inoffiziellen Hymne der Katalanen während des Franco-Regimes wurde.
Was Hoffnung bedeutet, wusste der Komponist Ernst Toch (1887-1964) nur zu gut, er hatte dunkle Zeiten zu überwinden. Als junger Mann kämpfte er im Ersten Weltkrieg an der Isonzo-Front, wo über 50.000 Soldaten starben. Der im heutigen Slowenien liegende Berggipfel Krn verlor in einer der Schlachten durch das starke Bombardement mehrere Meter seiner ursprünglichen Höhe. Toch, der in eine eher unmusikalische jüdische Familie hineingeboren wurde und kompositorisch als Autodidakt bezeichnet werden darf, verließ 1933 Deutschland und ging ins Exil. Über Paris und London gelangte er nach Südkalifornien, USA, wo er Fuß fasste. Das Impromptu Op. 90c für Cello in drei Sätzen (zu hören ist hier der zweite Satz) entstand dort.
Es gibt keine Religion, deren Anhänger so oft Opfer von Diskriminierung, Unterdrückung und Mord wurden wie das Judentum. Lange vor der Schoa gab es bereits über Jahrhunderte Pogrome und Vertreibung in ganz Europa. Dazu lässt sich auch das Alhambra-Edikt zählen, das Königin Isabella von Kastilien und ihr Mann Ferdinand auf dem Höhepunkt ihrer Macht 1492 unterzeichneten – vermutlich in der Annahme, dass die meisten jüdischen Bürger sich taufen lassen würden. Für die Juden, die den Krieg gegen die Mauren teils mitfinanziert hatten, war das ein schmerzhafter Schlag. Etwa 50.000 bis 100.000 Menschen verließen das Land. Sie zogen nach Nordafrika, ins Osmanische Reich, später nach Lateinamerika. Spanien verlor Gelehrte, Übersetzer, Literaten und die spanischen Juden verloren ihre Heimat. Was sie aber mitnahmen, war ihre Sprache, das “Ladino”.
Komponistin Elaine Fine (*1959), durch eigenen familiären Hintergrund mit jüdischer Musik in Kontakt, stieß in den Achtzigerjahren auf eine Schallplatte mit Volksliedern aus Spanien. Diese Sammlung hatte Pau Casals initiiert. Das sephardische Lied “O madre mia” – mit ladinischem Text – inspirierte Elaine Fine zum Mittelsatz ihrer „Sephardischen Suite“. Dieser sowie die Eröffnung (1. Satz) und der Schleiertanz (3. Satz) zeugen von ihrem gekonntem kompositorischen Übertrag des Klanges traditioneller jüdischer Instrumente auf das Cello.
“Yizkor” bedeutet auf Hebräisch „Erinnere dich“. Es ist nicht nur das erste Wort eines Gedenkgebets, sondern stellt auch dessen Gesamtthema dar. Es wird vier Mal im Jahr in der Synagoge gesprochen und zwar nach der Tora-Lesung am letzten Tag des Pessachfestes, am zweiten Tag des Schawuot, an Schmini Azeret und an Jom Kippur, dem Versöhnungstag und damit dem höchsten jüdischen Feiertag.
Ayala Asherov (*1968), eine der vielseitigsten Tonkünstlerinnen dieser Zeit, schrieb selbst über das Stück:
“Das Cello ist die Solostimme, die weint, die Solostimme, die nicht mehr zu hören ist. Im Jahr 2009 hatte ich das Gefühl, dass das Stück mehr brauchte, also fügte ich zwei Sätze hinzu, um dieses Gefühl weiter zu verstärken. Der zweite und dritte Satz von Yizkor spiegeln die Nachwirkungen oder Nachbeben wider, die auf einen emotionalen Verlust folgen. Der zweite Satz beschreibt das hektische und frenetische Gefühl, das auf einen solchen Schock folgt. Deshalb habe ich am Anfang jedes Takts zwei Sechzehntelnoten verwendet. Der dritte Satz hat eine absteigende Legato-Melodie, die eine aufsteigende Linie im ersten Satz widerspiegelt. Dieser letzte Satz ist der Nachgedanke und das feierliche Gefühl, das wir haben, wenn wir uns erinnern.”
Dass Widerstand mittels eines Kinderspiels erfolgen kann, beweist der “Dreidel”, ein kleiner Kreisel:
Auf jeder Dreidelseite ist ein hebräischer Buchstabe zu sehen, jeder dieser Buchstaben bedeutet eine Aktion. Kurz gesagt, man ist in diesem Spiel seine Süßigkeiten los oder hat das Glück, welche dazu zu bekommen. Jedoch wurde der Dreidel auch genutzt, um das Wissen und die jüdischen Traditionen zu erhalten: Wann immer den Juden das Lehren und Erlernen der Tora verboten war, hielten jüdische Eltern ihre Kinder trotz des Verbotes zum Studium der religiösen Traditionen an. Tauchte jemand auf, hatten die Kinder schnell den Dreidel zur Hand und taten so, als spielten sie damit. Elaine Fine erfasst musikalisch gekonnt sowohl den Dreh des Dreidels als auch die Freude oder Enttäuschung und wagt dabei einen Seitenblick zu Camille Saint-Saëns.
Die Komponistin Ilse Weber (1903-1944), die in erster Linie Schriftstellerin war, schrieb Märchen und Erzählungen in ihrem Heimatort Vítkovice, Tschechien. 1939 traf sie mit ihrem Mann eine schwere Entscheidung: Der älteste Sohn Hanuš wurde mit einem Kindertransport nach England geschickt. Die restliche Familie wurde in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort schrieb Ilse Weber das Lied „Wiegala“ für den geretteten Hanuš, in der Hoffnung, ihn eines Tages wiederzusehen.
In Theresienstadt hatte Ilse Weber eine Kinderkrankenstube eingerichtet. Diese wurde 1944 gesamt nach Auschwitz deportiert, wo Ilse Weber sich entschloss, die Kinder in die Gaskammer zu begleiten.
„Wiegala“ ist eines von zwei Gedichten aus Theresienstadt, die heute besonders bekannt sind. Katja Zakotnik arrangierte es mit diversen Doppelgriffen so, dass es mit dem Cello allein gespielt werden kann.
Mit der „Suite für cello solo“ von Mina Arissian (*1979) begeben wir uns in den Iran. Die interessante Geschichte des Irans beginnt keineswegs erst mit der Islamischen Revolution 1979 und doch ist dieser historische Punkt auch für Mina Arissian der ausschlaggebende. Aufgrund des Wunsches, ihre Kinder nicht im vorherrschenden Regime großzuziehen, wanderte die Familie 2020 nach Kanada aus. Dort kam es durch die Corona-Pandemie zu entsprechenden Beschränkungen; dies mag in die Komposition eingeflossen sein. Im ersten Satz wird ein unvollendetes Motiv sieben Mal wiederholt, doch nicht beendet. Es ist wie der immer wieder begonnene Versuch, einen Satz zu beginnen, ohne dass es gelingt, diesen zu beenden. Auch in den anderen beiden Sätzen sind schnelle Stimmungsschwankungen zu erkennen, vergleichbar mit der Unsicherheit, ob die neue Reise gelingen kann. Gerade diese Unbeständigkeit macht das Werk sehr reizvoll, schafft Mina Arissian doch die Möglichkeit, mit Farben zu spielen und viele verschiedene Stimmungen zu kreieren.
Mit viel Mut und Vertrauen hat auch Lera Auerbach (*1973) einem Land und seiner Regierung den Rücken gekehrt. 1991 verließ sie die damalige Sowjetunion kurz vor deren Zusammenbruch für eine Konzertreise in die USA und blieb im Exil in New York. Sie sagte gegenüber der FAZ im Jahr 2006: „Also bin ich gegangen, ohne Englischkenntnisse, ohne Geld, ohne Familie, ohne alles.“
Die 24 Préludes folgen der Tradition, sämtliche (westliche) Tonarten abzubilden. Das Prélude Nr. 13 ist für das Cello allein komponiert, in Ges-Dur, was ihm eine ganz besondere Farbe verleiht.
Das Album schließt mit dem „Adagio in g-Moll“, das lange Zeit dem Komponisten Tomaso Albinoni (1671-1751) zugeschrieben wurde, dessen Herkunft aber noch nicht abschließend geklärt ist. Herausgegeben wurde es durch den italienischen Komponisten Remo Giazotto (1919-1998). Dieses Werk ist jenes, das der „Cellist von Sarajevo“, Vedran Smailović, während der Belagerung von Sarajevo zwischen Trümmern spielte (von 1992 bis 1996 war dies die längste Belagerung des 20. Jahrhunderts). 22 Tage lang erklang das Stück zu Ehren von 22 Zivilisten, die durch einen Mörsereinschlag ums Leben gekommen waren. Er spielte es zudem auf den Steinen der zerstörten Nationalbibliothek sowie bei Beerdigungen, die ein beliebtes Ziel von Heckenschützen waren.
Katja Zakotnik arbeitete das „Adagio“ frei um, so dass sich das Cello allein, mittels Doppelgriffen, selbst begleiten kann.